Kinder zu wollen, schien mir logisch

Die Geschichte von André*

Meine Frau und ich haben uns vor 15 Jahren kennengelernt und sind schnell zusammengekommen. Wir waren sehr jung und das Kinderthema war noch in weiter Ferne. Schon damals habe ich mich aber gefragt, ob sie später Kinder haben will. Es erschien mir logisch, dass sie es wollen würde. Denn sie hatte, abgesehen von ihrer Mutter, keine Familie.

Meine Frau und ich haben eine Beziehung, die fast schon wie ein Klischee wirkt: Wir streiten uns selten, sind fürsorglich, kommunizieren offen und teilten von Anfang an alles zusammen. Als wir uns vor 15 Jahren kennenlernten, war sie in einer schwierigen Lebensphase, geprägt vom Studium, Geldmangel und der psychischen Erkrankung ihrer Mutter und deren Auswirkungen auf ihr beider Leben. Ich hingegen war im Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Lehre abgeschlossen, neuer Job, Start in die neue Freiheit.

Ihre Mutter ist in der DDR aufgewachsen und 1989 hochschwanger von zu Hause geflohen. Denn niemand in der Familie wollte, dass sie das Kind behält. Kurz nachdem die Mauer gefallen war, ging ihre Mutter in den Westen und gebar in Westberlin ein Mädchen. Das Mädchen ist heute meine Frau. Sie hat ihren Vater nie kennengelernt.

Meine Schlussfolgerung war, dass sie wahrscheinlich ihre eigene Familie gründen will, da sie nie eine hatte.

Ich allerdings habe schon als Jugendlicher gesagt, dass ich keine Kinder möchte. Nicht, weil ich Kinder nicht mag, sondern weil ich es mir nicht vorstellen konnte. Als Leiter in der Jungwacht hatte ich ständig Kinder um mich herum und ich konnte immer gut mit ihnen umgehen. Aber eigene Kinder? Nein. Oder vielleicht doch irgendwann? Vielleicht kommt dieser Wunsch noch …

Denn es ist ja irgendwie normal, dass man Kinder hat.

Als ich mir damals diese Gedanken machte, waren wir frisch zusammen. Wir hatten andere Prioritäten und Probleme als über das Kinderthema zu sprechen. Obwohl ich mich unsterblich in diese Frau verliebt hatte, wusste ich nicht, wie lange unsere Beziehung halten wird.

Die Jahre zogen ins Land und wir sind zusammengewachsen, bauten uns unser Leben gemeinsam auf. Und wenn wir auf das Thema Kinder zu sprechen kamen, sagten wir beide ziemlich schnell: 

In Zukunft vielleicht, nicht jetzt. Und plötzlich war die Zahl 30 in Sichtnähe.

Das Kinderthema schlich sich langsam in unser Leben. Leute um uns herum wurden Eltern und wir wurden immer öfter gefragt, wie es denn bei uns aussehe mit Kindern. 

Eines Tages lagen wir im Bett und sprachen über alles Mögliche, als meine Frau mich direkt fragte: «Möchtest du Kinder haben?». In meinem Kopf ratterte es plötzlich. Ich glaubte, die Antwort zu wissen, aber wollte sie nicht verletzen oder was Falsches sagen. Mit etwas Verzögerung antwortete ich: «Eigentlich nicht, nein. Ich spüre kein Verlangen nach eigenen Kindern, aber auch nicht unbedingt keine zu haben. Wenn Kinder, dann mit dir, weil ich es mir mit dir schön vorstelle. Und du?»

Nein, ich habe keine Lust auf Kinder. Ich mag unser Leben so, wie es ist.

Und plötzlich war es nicht mehr ein «vielleicht in Zukunft», sondern ein klares Nein, wir wollen es nicht. Es war ausgesprochen. Trotzdem haben wir diese Türe nicht ganz geschlossen. Wir trafen eine Vereinbarung: 

Wir überprüfen diesen Entscheid regelmässig.

Wir sprechen darüber und klären, ob beide noch dieser Meinung sind. Bis heute war die Antwort immer für beide: Nein.

Vor zwei Jahren haben wir geheiratet. Für mich ist klar, dass ich mein Leben mit ihr verbringen möchte – mit oder ohne Kinder. Durch die Heirat wurden die Stimmen um uns herum lauter: «Nachwuchs schon in Planung?», «Nach der Heirat ist das Kinderkriegen dran!», «So viel Zeit habt ihr auch nicht mehr, bald seid ihr Mitte dreissig.»

Als Mann gibt es keine biologische Uhr. Theoretisch kann ich auch in 20 Jahren Vater werden. Meine biologische Situation ist eine gänzlich andere als jene meiner Frau. Als Frau wird man aber öfter und anders auf dieses Thema angesprochen. Auch meine Frau musste sich in der Vergangenheit einiges anhören. 

Ein Kunde von ihr hat den Kopf geschüttelt, als sie ihm auf die Kinderfrage antwortete: ‘Nein, wir möchten keine Kinder.’

Oder auch die Tatsache, dass bei ihr im Büro die Chefs immer wieder versuchen herauszufinden, wann es so weit sein könnte. Vorsichtshalber haben sie eine Person mehr eingestellt, weil «sie könnte ja bald für eine längere Zeit ausfallen». Und das, obwohl sie mehrmals kommuniziert hat, dass Kinder kein Thema sind.

Gesellschaftlich wird auch von vermeintlich aufgeklärten Personen (meistens Männer) nicht akzeptiert, wenn eine Frau eine selbstbestimmte Entscheidung trifft.

Bei mir waren die Reaktionen bisher deutlich seltener. Aber auch ich darf mich ab und zu mit unangebrachten Reaktionen und Fragen auseinandersetzen. Nach der Heirat hat mich ein Geschäftskollege gefragt: «Und, wann ist es so weit?». Als ich antwortete, dass wir keine Kinder wollen, war die Reaktion: 

Nein, das kann nicht sein! Keine Kinder?! Wollt ihr etwa im Alter so ein komisches Paar werden, das sich einen Hund als Kindesersatz zulegt?

Oder ein entfernter älterer Verwandter: «Du musst deine Frau jetzt überreden, Kinder zu kriegen! Glaub mir, du wirst nicht glücklich werden, ohne eigene Kinder. Heutzutage wollen Frauen unabhängig sein. Aber Kinder gehören dazu und das ist die Aufgabe der Frau.»

Und einmal wurde ich von einer sehr gläubigen Frau in meinem Alter mit den Worten verabschiedet: «Ich bete für euch, damit ihr doch noch Kinder wollt.»  Ääähmm, danke? Oder wie reagiert man darauf?

Wir sind glücklich so, wie es ist. Wir haben alles, was wir brauchen und wollen. Und wir haben uns.

Für mich ist der Sinn des Lebens nicht, Kinder zu kriegen und ein Haus zu bauen. Ich möchte glücklich sein, respektvoll handeln und behandelt werden und einen positiven Impuls in die Gesellschaft geben. Wenn jemand in der Entscheidungsphase ist und mich um einen Rat fragt: Mach das, was dich glücklich macht. Wenn du Kinder willst, tue es! Es ist sicherlich wunderschön. Aber wenn du es nicht möchtest, lass es. Lass dir nicht von jemandem einreden, dass du es machen musst!


André*

lebt mit seiner Frau in der Schweiz.

*Pseudonym

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